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Teil 14 - Will da jemand Hunde loswerden?

Fadrina parkt das Postauto und wirft einen Blick nach hinten. Merkwürdig. Normalerweise schiesst Fippo aus dem Tiefschlaf auf, sobald er die Bremsgeräusche vernimmt. Diesmal döst er ungerührt weiter. «Fippo, komm! Wir sind da!» - Fippo hebt mühsam beide Augendeckel hoch und schaut Fadrina so verblüfft an, als sähe er sie zum ersten Mal. «Fippo! Was ist mit dir los?» Jetzt klopft er mit dem Schwanz im Zeitlupentempo auf den Boden; einmal, zweimal, dreimal, erhebt sich schwerfällig und trottet nach vorne.

Fadrina hat ein ungutes Gefühl. Das ist nicht der Fippo, den sie kennt, ganz und gar nicht. «Vielleicht hat er sich heute Morgen beim Rennen mit den anderen Hunden übertan», denkt sie sich, während sie ihn aus dem Bus scheucht und die Türe schliesst. Auf dem Heimweg geht er stoisch neben ihr her, kein intensives Schnüffeln, kein Zerren an der Leine. Daheim ignoriert er den miauenden Lumpazi, würdigt auch den Napf keines Blickes, sondern lässt sich direkt auf den Wollteppich plumpsen. Keine zwei Minuten sind leise Schnarchgeräusche zu vernehmen.

In Fadrina kriecht Panik hoch wie eine kleine, giftige Schlange. Was ist zu tun? Sie hatte noch nie einen Hund, und wäre Fippo ihr nicht zugelaufen – besser: zugefahren, als sie die Stelle als Postautochauffeurin übernommen hatte –  wäre das womöglich auch so geblieben. Selbst Kater Lumpazi ist ein Erbe ihrer Nana. Genau wie das Häuschen, wie alles hier. Fippo schläft und schläft, Fadrina legt sich neben ihn auf den Boden, und erst als sie sieht, wie sich seine Brust hebt und wieder senkt, und sie die Atemgeräusche hört, wird sie ruhiger. Gleichzeitig bemerkt sie lange Speichelfäden, die von seinen Lefzen bis auf den Teppich reichen.

 

Sofort ist sie wieder alarmiert. Spontan ruft sie Marcel an, bei dem Fippo einige Wochen untergekommen ist, als er sich vor einem Jahr auf der Flucht vor der Polizei einfach in die Rhätische Bahn gesetzt hat und verschwand. Fadrina spürt ein Schaudern, wenn sie daran zurückdenkt – diese Zeit möchte sie nicht mehr erleben. Marcel meldet sich nach dem dritten Klingeln. «Ou, das klingt nicht gut!», meint er, als sie ihm erzählt hat, was sie so beunruhigt. «Ich bin kein Tierarzt, habe aber in den letzten Jahren über meinen Job einiges über Hunde und Hundekrankheiten erfahren. An deiner Stelle würde ich ihn untersuchen lassen.»

Fadrinas Gedanken kreisen um ein einziges Wort: «Krankheiten? Denkst du, er ist unheilbar krank? Und wie krank? Ein Tumor etwa?» - Sie wagt kaum, weiterzudenken. Doch «es» denkt von allein. In ihrem Kopf schlagen die Gedanken kraftvolle Purzelbäume, immer schneller, immer wilder. Marcel holt sie mit seiner ruhigen Stimme wieder zurück: «Jetzt denk’ nicht gleich das Schlimmste. Vielleicht hat er ein Virus erwischt. Möglicherweise gibt es eine ganz einfache Erklärung. Bevor du närrisch wirst: Geh und kläre es ab, und informiere mich nachher sofort, versprochen?» - Sie verspricht es mit matter Stimme.

Der Tierarzt heisst Reto Walser, er ist jung und freundlich und spricht nicht den hiesigen Dialekt. Zugezogen wie ich, denkt Fadrina, und aus irgendeinem Grund findet sie das beruhigend. «Dann schauen wir mal, was du hast», sagt er, leuchtet Fippo in die Augen, horcht sein Herz ab, testet seine Reflexe, nimmt Blut. Fippo stellt sich tot. «Würden alle Tiere diese Strategie wählen, wäre meine Arbeit auch einfacher», lacht Walser und reicht das Blutröhrchen seinem Assistenten, der aussieht, als hätte er gerade erst die Schule abgeschlossen. «Hat Fippo erbrochen?», will er dann wissen. Fadrina schüttelt den Kopf. «Mehr Durst als sonst?» - «Auch nicht.»

Walser nickt. «Die Symptome weisen nicht auf eine Vergiftung hin, ich werde Fippo aber trotzdem dazu bringen, zu erbrechen, bis die Analyse aus dem Labor zurück ist.» Er flösst ihm eine Lösung ein, die Fippo widerwillig schluckt, und ein paar Kohletabletten. Tatsächlich muss Fippo kurz darauf erbrechen – es riecht so widerlich, dass Fadrina selber gegen Brechreiz kämpfen muss. Sie öffnet das Fenster, während der Tierarzt mit flatterndem Kittel in einen Nebenraum entschwindet.

Als er zurückkehrt, sitzt Fippo bereits halb aufgerichtet da. Reto Walser nickt ihm zu, lacht und entblösst dabei strahlend weisse Zahnreihen: «So ist es brav.» Als er sich Fadrina zuwendet, wird er ernst: «Nehmen Sie Schlafmittel?» - «Ich? Nein, nie.» - «Sind Sie sicher, dass in Ihrem Haus nicht eine angebrochene Packung herumliegt?» - «Ganz sicher.» - «Merkwürdig.» Der Tierarzt schaut einen Moment zum offenen Fenster hinaus, direkt in die Schneewolken. «Es deutet alles darauf hin, dass Fippo ein starkes Schlafmedikament erwischt hat – glücklicherweise nicht in tödlicher Dosis.» Er lässt sich auf einen roten Hocker mit Rädchen sinken. Fadrina schaut ihn ratlos an: «Ich kann es mir nicht erklären. Ausser, er hätte im Postauto eine Tablette gefunden. Oder irgendwo im Schnee, ich lasse ihn oft frei» - «Hm. Wissen Sie, was mir Sorgen bereitet? Fippo ist jetzt bereits der dritte Hund aus dem Dorf, der innerhalb einer Woche Schlaftabletten gefressen hat. Das ist eigenartig.» - Fadrina schnellt hoch: «Meinen Sie, jemand streut das Zeug bewusst? Ein Hundehasser?» - Reto Walser nickt langsam. «So schaut es aus. Es wären etwas viel Zufälle sonst, zumal in den anderen beiden Haushalten auch keine Schlaftabletten vorhanden sind.» - Fadrina steht auf, zu ihrer Freude tut Fippo es ihr gleich, streckt sich gründlich und schüttelt sich dann. «Fippo wird sich erholen, passen Sie gut auf ihn auf. Und überlegen Sie sich, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten – selbst wenn nicht erwiesen ist, ob jemand die Tabletten gezielt gestreut und vielleicht sogar als Köder präpariert hat. Obwohl es nicht wirklich Sinn macht. In der Regel nimmt jemand Rattengift oder Ähnliches, wenn er die Hunde ins Jenseits schicken will. Doch man sollte es untersuchen.» - «Danke, das finde ich auch!», sagt Fadrina und verlässt mit Fippo die Praxis. Heute würde Riet zum Abendessen kommen, sie wird ihn fragen, wie sie vorgehen soll. Dabei hatte sie sich den Abend so romantisch ausgemalt. Im Rückspiegel sieht sie, wie Fippo schon wieder döst.

Was hat es mit dem Schlafmittel auf sich? Zufall – oder doch mehr? Wird die Polizei der Sache nachgehen? Das alles und mehr gibt es in der Fortsetzung – auf Wiederlesen.

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