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Teil 16 - Fippo neu mit Maulkorb

«Ist er jetzt böse geworden?“ – Fadrina seufzt. Schon zum fünften Mal an diesem Tag hört sie die Frage, diesmal von der Studentin Carlotta. Fippo sitzt mit seinem Maulkorb im Postautogang nahe bei der Tür und guckt unschuldig hinaus ins frische Frühlingsgrün. „Jemand präpariert Leckerli mit starkem Schlafmittel, und Fippo hat schon mehrere erwischt – er frisst ja alles, was ihm unter die Nase kommt“, sagt Fadrina müde und startet den Bus. Der Motor zittert kurz und wechselt dann in ein geschmeidiges Brummen über.

Carlotta schlägt sich mit der flachen Hand an die Stirn: „Jetzt realisiere ich es erst“, ruft sie und stellt ihren grossen Rucksack auf den Boden, „Schlafmittel! Ja, klar. Auch die Katze meiner Nonna torkelte kürzlich wie besoffen in ihren Korb und machte danach stundenlang keinen Wank mehr. Meine Nonna meinte schon, Minusch sei gestorben!“ – „Oh nein! Es ist ein Übel!“, meint Fadrina und lenkt das Postauto geschickt aus der Bushaltestelle auf die Hauptstrasse zurück. „Die Polizei hat noch überhaupt keine Spur, das kann einfach nicht sein!“

Carlotta hört schon nicht mehr zu, hastig tippt sie eine Nummer ins Handy, und schreit gut hörbar durch den Bus: „Nonna, Minusch hat vermutlich einen Köder mit Betäubungsmittel gefressen. Behalt ihn die nächsten Tage besser zu Hause.“ An diesem Morgen sind nur vier Leute im Postauto, es ist Zwischensaison. Die Skilifte stehen still, zum Wandern ist es noch zu früh. Fadrina mag diese Zeit, wenn das Engadin so beschaulich und in sich gekehrt wirkt wie sonst nie.

Den freien Nachmittag nutzt sie für einen ausgedehnten Marsch mit Fippo bis hinauf ins Schellenurslidorf Guarda. Fippo zeigt ihr in jeder Minute, wie wenig er davon hält, an der Leine zu laufen – und das erst noch mit Maulkorb. Er hat in ungezählten Minuten verzweifelt versucht, sich das verhasste Ding selber auszuziehen, bislang ohne Erfolg. Fadrina schmerzt es, ihm dabei zuzusehen, doch eine weitere Überdosis für Fippo will sie nicht riskieren, davor hatte der neue Tierarzt ausdrücklich gewarnt. „Fippo, es ist doof, aber so lange hier jemand Pillen streut, musst du das Ding tragen“, erklärt sie ihm. Er wirft ihr einen zweifelnden Blick zu, schüttelt den Kopf kräftig in alle Richtungen, zieht danach sofort nach links, nach rechts, bleibt stehen und schnuppert ewig, trottet kurz gelangweilt neben Fadrina her, nur um in der nächsten Minute Hals über Kopf loszusprinten.

Fadrina ist nicht darauf gefasst, fällt zu Boden und lässt die Leine los. „Fippo! Hier!“, ruft sie, aber Fippo ist schon hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden. Fluchend rappelt sie sich auf, klopft die Erde von den Knien und pfeift. Sie ärgert sich. In den letzten Wochen hat sie viel Zeit in den Rückruf investiert. Fippo zeigte sich kooperativ, und von Tag zu Tag reagierte er schneller und zuverlässiger auf den Pfiff. Weshalb tut er jetzt so, als hätte er ihn noch nie im Leben gehört? „Fippo!“ Sie joggt los, biegt wie Fippo vorhin rechts ab – und bleibt verblüfft stehen.

Auf einer Bank sitzt ein junger Mann mit einer schwarze Mütze, langen blonden Haaren und einem grauen Hoodie. Liebevoll krault er Fippo die Brust. Der Hund drückt seinen ganzen Körper zutraulich an die Jeansbeine des Burschen, als wäre dieser der Freund seines Lebens, und lässt sich die Streicheleinheiten nur zu gerne gefallen. „Treulose Tomate“, murmelt Fadrina und bewegt sich lautlos auf die beiden zu. Sie beobachtet, wie der Bursche irgendetwas aus seiner Jeanstasche holt und Fippo mit der flachen Hand hinhält. Fippo schnuppert, winselt und versucht seine Zunge durch das Maulkorb-Gitter zu bekommen, vergeblich. Fadrina traut ihren Augen kaum, als der Bursche versucht, Fippo den Maulkorb auszuziehen. „He, was machst du da?“, ruft sie scharf und ist mit zwei Schritten bei der Bank. Der junge Mann schiesst auf, als hätte eine ganze Wespenkolonie zugestochen und rast den Hügel hinunter, gefolgt von Fippo. „Mist!“ – Fadrina rennt ebenfalls los, pfeift unterwegs – aber es nützt nichts. Weit vorne über dem Feld flattern Fippos Ohren im Sonnenlicht, vom jungen Mann fehlt jede Spur.

Noch im Rennen ruft sie Riet an – den Polizisten, der seit einigen Monaten auch ihr Freund ist. „Riet, schnell! Ich glaube, ich habe den Übeltäter soeben in die Flucht gejagt – er wollte Fippo gerade ein Leckerli verabreichen“, japst sie ins Handy, während ihre Augen die Gegend absuchen nach einem jungen Mann mit Fippo im Gefolge. „Fadrina, ganz ruhig. Wo bist du?“ – „Etwas ausserhalb von Lavin und unterhalb des Wanderwegs nach Guarda.“ – „Wir führen in Scuol Kontrollen durch. Versuche herauszufinden, wohin er geht.“ – „Das möchte ich ja, aber er ist mir entwischt – samt Fippo“, keucht sie. „So an Saich! – Bist du sicher, dass er es ist?“ Fadrina muss nicht überlegen: „Er hat sich auf jeden Fall auffällig genug verhalten! Sonst wäre er ja kaum abgehauen.“ – „Na ja, vielleicht hat er sonst etwas auf dem Kerbholz!“ mutmasst Riet. „Ich versuche, so rasch wie möglich zu kommen. Melde dich wieder und schick mir den Standort!“ Als Fadrina „Mache ich!“, sagen will, ist die Verbindung bereits beendet.

Sie steht allein im Feld und kommt sich unsäglich dumm vor. Kein Bursche, kein Fippo weit und breit. Vor ihrem inneren Auge machen sich quälende Szenen breit: Fippo, wie er mit Tabletten abgefüllt wird – diesmal mit so vielen, dass er einen ernsthaften Schaden davontragen wird. Sie sieht vor ihrem inneren Auge, wie er sich vor Schmerzen auf dem Boden wälzt, wie es aus seinem Maul schäumt, sie hört den Tierarzt sagen: „Tut mir leid, dieses Mal sind wir zu spät!“ – Mit so viel Verzweiflung im Herz rennt sie weiter, hinunter nach Lavin, umrundet das Kirchlein, späht zum Bahnhof und folgt ihrer Intuition in den Wartesaal. Dort steht eine ganze Kindergartenklasse schnatternd und rufend um etwas, das sie zunächst nicht sehen kann.

Aber dann hört sie ein vertrautes Schütteln, ein Gähnen, die Kinder lachen, Fippo erhebt sich vom Boden trottet träge auf sie zu und sie umarmt ihn. „Ist das dein Hund?“, fragt eines der Kindergartenkinder, ein Mädchen mit Pferdeschwanz und einer riesigen Zahnlücke. „Warum trägt er einen Käfig im Gesicht?. – Fadrina kann fast nicht sprechen, so sehr kämpft sie gegen die Tränen an. „Weisst du“, sagt sie dann, „er frisst blöde Dinge und bekommt davon Bauchweh.“ – „Ja, das mache ich manchmal auch und dann kocht mein Papa Tee mit grünen Blättern“, erklärt das Mädchen mitteilungsfroh und mit einem leichten Lispeln. „Aber was macht er denn auf dem Bahnhof?“ – „Er fährt eben gern Zug“, erklärt Fadrina. Die Kinder prusten los, kichern, giggelen und können nicht mehr aufhören. Fadrina greift nach der Leine. „Komm, Fippo!“ Zu ihrer Erleichterung läuft er wie immer und zeigt keine Anzeichen von Müdigkeit. „Vielleicht hatte der Bursche tatsächlich nichts mit den Tabletten zu tun“, denkt sie und macht sich mit Fippo auf dem Heimweg. Die Lust auf einen Marsch ist ihr vergangen.

In dem Moment klingelt das Handy. Riet. „Fadrina, hast du Fippo gefunden?“ – „Ja, soeben im Bahnhof von Lavin aufgegabelt.“ – „Das ist gut. Wir haben inzwischen eine verdächtige Person zum Verhör bestellt.“ – „Den jungen Mann?“ – „Nein“, sagt Riet und macht eine Pause. „Es ist eine Frau.“

Wer ist die Frau, die so verdächtig ist, dass sie von der Polizei verhört wird? Und hat Fippo tatsächlich kein Betäubungsmittel mehr gefressen? Die Antworten darauf und mehr gibt’s hier als Fortsetzung. Bald, bald – Anfang Juli. Auf Wiederlesen!

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